Ich bin Europäerin

Ich bin Europäerin. Wenn ich das sage, habe ich ein gutes Gefühl. Ich fühle mich dann beispielsweise den Franzosen nahe. Dann denke ich an Paris, an gutes Essen, an Lebensart. Oder an Le Mans, der Partnerstadt Paderborns. Noch mein Vater dachte da ganz anders. Er war auf ein U-Boot abkommandiert, Frankreich war für ihn ein von Deutschland besetztes Gebiet. Franzosen waren Feinde. In Frankreich musste er als Soldat vorsichtig sein, es herrschten Misstrauen und Hass.

Das alles ist längst überwunden. Nach dem Krieg siegte die Vernunft und die deutsch-französische Partnerschaft wurde zum Sinnbild der Aussöhnung in Europa. Viele andere Länder kamen hinzu und in der europäischen Gemeinschaft hatte Deutschland Gelegenheit, sich seinen Nachbarn wieder anzunähern.

Europa war in meiner Jugend immer noch eine Vereinigung von Staaten mit Grenzkontrollen. Jeder Urlaub begann mit dem Währungsumtausch, um vor Ort Franc, Schilling, Peseten und Lira zur Hand zu haben. Auch das haben wir hinter uns gelassen.

Europa – das war für uns selbstverständlich. Jedem war doch klar, dass es nichts besseres geben konnte.

Aber Europa ist nicht selbstverständlich. Scheinbar aus dem Nichts sind plötzlich Nationalismen an der Tagesordnung. Während die Briten aus einer Art traditionalistischen Haltung heraus den Brexit vorantreiben (für mich einer der größten Fehler und verheerend für die britische Jugend) setzt ausgerechnet Frankreich auf Abschottung. Eine rechte Präsidentin Le Pen kann ich mir gar nicht vorstellen. Mir graut bei der Vorstellung, dass sich Deutschland und Frankreich wieder voneinander entfernen – und mit ihnen alle anderen Staaten in Europa. Handelsbeschränkungen, Grenzkontrollen, Polizeiüberwachung, Ausländerhass: Was würde uns in einem Front-National-Staat erwarten? Fangen wir eines Tages klammheimlich an, die Zahl unserer Soldaten aufzurechnen – so wie es noch mein Vater erlebt hat?

Das alles ist so undenkbar, so weit weg. Gleichwohl bete ich, dass bei den nächsten Wahlen in Frankreich die Vernunft siegen möge. Schon allein das ist schlimm genug. Europa ist nicht selbstverständlich. Es ist eine Summe aus friedliebenden Menschen unterschiedlicher Kulturen, die Wohlstand und Sicherheit aus Europa schöpfen. Und die miteinander eine vorbildliche Position in der Welt einnehmen und Beispiel geben für ein gutes Miteinander sowie für den Umgang mit Nicht-Europäern. Ich bin eine davon, ich bin Europäerin. Und ich werde dafür kämpfen, dass viele dies auch in Zukunft werden sagen können. Mit einem Gefühl von Stolz und Zuversicht. Aber ich fürchte, es wird nicht leicht.

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