Über mich

Kinder und Frauen zuerst!

Ein Interview mit Norika Creuzmann

( dieses Interview wurde im Rahmen des Landtagwahlkampf 2017 geführt, aber es ist nach wie vor aktuell und zeigt warum ich Politik mache))

Von Cornelia Filter

Am Internationalen Frauentag trägt der Neptun auf dem Paderborner Marktplatz eine pinke Mütze mit zwei Zipfeln. Norika Creuzmann hat die despektierliche Kopfbedeckung für den respektheischenden Wassergott gestrickt – nach einem Strickmuster aus den USA. Dort sind die so genannten „Pussyhats“ das Wahrzeichen der Protestbewegung gegen den Macho-Präsidenten Donald Trump, der Frauen als „Pussys“ bezeichnet.

Norika Creuzmann ist die grüne Landtagskandidatin für den Kreis Paderborn. Zudem ist sie Kreisvorsitzende der GRÜNEN, Kreistagsabgeordnete und Stadträtin in Bad Lippspringe. Sie ist keine Berufspolitikerin – das macht sie alles ehrenamtlich. Hauptamtlich arbeitet sie im autonomen Paderborner Frauenhaus, in ihrem eigenen Haus in einem Wald bei Bad Lippspringe ist sie Mutter von vier Söhnen und einer Pflegetochter. Die Haus- und Erziehungsarbeit teilt sie sich mit ihrem Mann.

Leider kann Ludger nicht stricken, dafür musste sie allein „eine Nachtschicht einlegen“, erzählt sie mir am Neptun-Brunnen. Eine Nachtschicht für eine Mütze? Nein, für viele Mützen! Norika nötigt mich, eine von ihnen aufzusetzen, obwohl ich mich als parteilose Journalistin lieber abseits halten würde. Außerdem ist Markttag, und ich bin 63. Mir misshagt der Gedanke, dass mich MarktbesucherInnen für eine unwürdige Greisin halten könnten. Doch ich bin auch bekennende Feministin. Also reihe ich mich in die pink bemützte grüne Frauengruppe vor dem Brunnen ein und halte tapfer ein Pappschild mit der Aufschrift hoch: „Männer haben Denkmäler – und Frauen haben Zukunft.“

Wir kennen uns schon länger, aber ich kannte sie bislang nicht gut. Bei Begegnungen auf Feten von gemeinsamen Bekannten und auf frauenpolitischen Veranstaltungen war ich von ihrer Warmherzigkeit fasziniert. Mehr noch: Auf Norika trifft das Attribut „Mütterlichkeit“ zu. Gleichzeitig hat sie etwas Burschikoses, eine Jugendlichkeit, die vergessen lässt, dass sie 51 ist. Leidenschaftlich engagiert sie sich für Themen, die ihr am Herzen liegen: Kinder- und Frauenrechte, Umwelt- und Naturschutz, Demokratie statt Rechtspopulismus. Trotz aller Leidenschaft argumentiert sie ruhig und sachlich, um Uninformierte aufzuklären oder WutbürgerInnen zu entwüten.

Diese Lobeshymne klingt wie plumpe PR gegen Bezahlung, ich weiß. Und ich gebe ehrlich zu, dass Norika mich gebeten hat, etwas über sie zu schreiben. Das jedoch hätte ich abgelehnt, wenn ich nicht Lust dazu hätte – unentgeltlich, als Geschenk für eine bescheidene Frau. Im Gegensatz zu den meisten Männern in der Politik ist beim Wahlvolk nur wenig über Norika bekannt, weil sie kein Aufheben von sich macht. Das mache ich jetzt für sie. Dafür allerdings musste ich sie näher kennenlernen.

Ich interviewe sie bei mir zuhause. „Interview“ ist eigentlich das falsche Wort. Denn wir führen an meinem Esstisch bei Kaffee und Kuchen ein langes Zwiegespräch – gemäß der feministischen Devise „Das Private ist politisch“.

Cornelia: Von was hast du als kleines Mädchen geträumt?

Norika: Ich wollte Karneval immer ein Indianer sein, aber ich war immer ein Funkenmariechen.

Cornelia (irritiert): Stammst du aus Köln?

Norika: Ich wurde 1966 in Ostercappeln bei Osnabrück geboren, in einer katholischen Region, doch ich bin evangelisch. Als ich ein kleines Mädchen war, hat mich meine Mutter zu Karneval immer als Funkenmariechen verkleidet. Sie fand das toll, und ich hab’s gehasst.

Cornelia: Warum hat dein Vater nicht Einspruch eingelegt, um dir den Indianer-Wunsch zu erfüllen?

Norika (einsilbig): Mein Vater ist 1969 gestorben, da war ich drei.

Cornelia: Wie alt war er?

Norika: Fünfzig.

Cornelia: Nicht sehr alt – und doch ziemlich alt für eine dreijährige Tochter.

Norika: Ich bin ein Nachkömmling. Meine beiden Schwestern und mein Bruder sind erheblich älter als ich. Zwischen mir und der Ältesten liegt ein Abstand von 17 Jahren.

Cornelia: Woran ist dein Vater gestorben?

Norika (traurig): Er hat den Zweiten Weltkrieg nicht verkraftet. (Sie atmet tief durch). Mein Vater war Funker in einem U-Boot. Er ist dreimal abgeschossen worden. Er hat überlebt, aber irgendwie kam er damit nicht richtig klar. Zu viel Alkohol und … (Sie hält inne).

Cornelia: Ich habe den Tatsachenroman „Das Boot“ von Lothar-Günther Buchheim über den U-Boot-Krieg gelesen. Allein das Lesen hat mich total aufgewühlt, bis hin zu Alpträumen. Diese nervtötende Stille tief unter Wasser, wo die schweißüberströmte Mannschaft in klaustrophobischer Enge schweigend lauscht, um Peilsender hören zu können, die leise tickend die Bootshülle abtasten. Und dann das Zischen der sich nähernden Torpedos. Buchheim schreibt, dass auch die Hartgesottensten nach drei Abschüssen, die sie überlebten, psychische Wracks waren.

Norika: Apropos klaustrophobische Enge. Ein U-Boot namens „Hecht“ gibt es noch. Heute dient es in Laboe bei Kiel als Technik-Museum. Wir haben es besichtigt, als unsere Kinder noch klein waren. Sogar sie passten kaum durch die Luken. Damals in Laboe war ich mir sicher, dass meine Kinder nie einen Krieg erleben würden. Heute bin ich mir da leider nicht mehr so sicher.

Cornelia: Zurück zu deiner Kindheit! Wie ging es für dich nach dem Tod deines Vaters weiter?

Norika (seufzt): Nicht gut. Mein Vater war Gastronom, er hatte in Sögel ein Hotel gepachtet. Meine Mutter ist vor ihrer Heirat Kinderpflegerin gewesen. Das Hotel alleine weiter zu führen, war für sie von vornherein ein glückloses Unterfangen, und ein Unglück kommt ohnehin selten allein. Kurz nach dem Tod meines Vaters hatte meine Mutter einen schweren Unfall, mit der Folge, dass sie in einem Zeitraum von zwei Jahren überwiegend in Krankenhäusern lag. Ich wurde derweil in der Familie herumgereicht: von der ältesten Schwester zur zweitältesten und dann zu einem Onkel.

Cornelia: Das klingt nach einer beschissenen Kindheit.

Norika: Das kann man wohl sagen!

Cornelia: Wie hast du dich da rausgemaggelt? Mein Eindruck von dir ist, dass du zu den raren Menschen gehörst, die resilent gegen Kindheitstraumata sind. „Resilenz“ bedeutet seelische Widerstandsfähigkeit.

Norika (überrascht): So habe ich das in Bezug auf mich noch nie gesehen. Ich glaube, du hast recht. Und weißt du was? Ich glaube, dass ich meine negativen Kindheitserlebnisse durch meine Solidarität mit Kindern bewältige. Es gibt doch diesen Spruch „Frauen und Kinder zuerst!“ Dabei geht es um die Plätze in Rettungsbooten. Ich würde zuerst die Kinder retten. Dazu passt, dass ich im Frauenhaus in erster Linie für Kinder zuständig bin, die mit ihren Müttern Schutz suchen.

Cornelia: Ich habe dich für eine Feministin gehalten, aber langsam schwant mir, dass du mehr eine Kinderrechtlerin als eine Frauenrechtlerin bist.

Norika: Ich gestehe, dass ich nie zur so genannten „Frauenszene“ gehörte. Frauenhaus-Mitarbeiterin bin ich zufällig geworden.Von Gleichberechtigung jedoch habe ich schon als kleines Mädchen geträumt.

Cornelia: Als Funkenmariechen ?

Norika: Nein, als Schwester eines 7 Jahre älteren Bruders in Bad Lippspringe! Nach einem Urlaub, den wir dort im „Hotel zur Post“ verbrachten, war meine Mutter so angetan von Bad Lippspringe, dass sie mit Carsten und mir dahin zog. Mein Bruder musste nie im Haushalt helfen. „Carsten muss Schularbeiten machen!“ sagte meine Mutter. „Wenn ich in die Schule komme“, dachte ich, „brauche ich auch nicht mehr helfen.“ Falsch gedacht! Meinen Traum von Gleichberechtigung erfüllte mir meine Mutter nicht. Für sie war mein Bruder ein Prinz. Aus dieser Situation wurde ich nicht wie im Märchen erlöst – daraus habe ich mich selbst befreit. In meiner Herkunftsfamilie bin ich der einzige Mensch mit Abitur und Studium, beides selbst erarbeitet und selbst finanziert.

Cornelia: Alle Achtung! Für welche Studienrichtung hast du dich entschieden? Wenn ich nicht wüsste, dass du in einem Frauenhaus arbeitest, hätte ich auf eine Männerdomäne wie Ingenieurwissenschaften getippt. Oder auf ein Fach wie Wildtierbiologie. Damit hättest du dir gewissermaßen deinen Kindheitswunsch erfüllen können, ein Indianer zu sein.

Norika: Ich engagiere mich für Umwelt- und Naturschutz. Beziehungsweise für eine „indianermäßige“ – also ganzheitliche – Lebensphilosophie, die den Menschen nicht zur Krone der Schöpfung erhebt, sondern als Teil der Natur einstuft.

Cornelia: Dazu später mehr. Zurück zu deinem Studienfach!

Norika: Schon lange vor dem Abi habe ich mir eine Arbeit mit Kindern gewünscht. Was anderes kam für mich nicht infrage, seit ich im Alter von 12 oder 13 beim Jugendrotkreuz anfing. Ich war auf allen Ebenen aktiv:  Orts-, Kreis- und Landesebene. Vor allem aber habe ich beim Jugendrotkreuz Bildungsarbeit für Kinder gemacht. Durch diese ehrenamtliche Arbeit, die mich total begeistert hat, ist mir klar geworden, dass ich auch beruflich mit Kindern arbeiten will. Darum habe ich Sozialpädagogik studiert: an der KFH in Paderborn, der Katholischen Fachhochschule, die heute eine „Hochschule“ ist, die KatHO. Mein Anerkennungsjahr habe ich in einem Schulkindergarten absolviert. Danach war ich kurz  arbeitslos, aber ich war schon mit meinem heutigen Ehemann Ludger zusammen. Der finanzierte sein Sportstudium als Türsteher in der Paderborner Disko „U-Bahnhof“. Da habe ich eine Frau kennengelernt, die wusste, dass das autome Frauenhaus eine Sozialpädagogin für eine ABM sucht …

Cornelia (erklärend): …für eine staatliche geförderte „Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“.

Norika: Ich bewarb mich und bin genommen worden. Mein Glücksgefühl nach dem Bewerbungsgespräch werde ich nie vergessen. Stell dir das vor! Ich kam nicht aus der Frauenszene, und das Wort „Feminismus“ war für mich damals noch ein Fremdwort – es war einfach nur meine Qualifikation, die zählte. Das wäre mir bei einem anderen Arbeitgeber wohl kaum passiert: Mir, einer evangelischen Frau und ledigen Mutter im katholischen Paderborn, wo …

Cornelia (unterbricht sie): Ledige Mutter?

Norika: Wir waren noch nicht verheiratet und lebten noch nicht in einer gemeinsamen Wohnung, aber wir hatten schon unseren Finian, der …

Cornelia (unterbricht sie erneut): Keine gemeinsame Wohnung?

Norika: Kannst du mich mal ausreden lassen?

Cornelia: Bitte, versteh mich nicht falsch! Zwar war ich früher Klosterschülerin, aber ich  finde das nicht moralisch verwerflich – ich bin nur konsterniert. Wann kam Finian zur Welt?

Norika: 1989, während meines Studiums.

Cornelia: Da war ich 35 und EMMA-Redakteurin in Köln. In dieser Katholiken-Hochburg war es längst eine Selbstverständlichkeit, dass unverheiratete Paare mit oder ohne Nachwuchs in gemeinsamen Wohnungen lebten. 1989 – meine Güte! Da fiel die Mauer in Berlin. Und wir westdeutschen Feministinnen träumten von einem vereinigten Deutschland, das Vorteile für Frauen aus dem Osten für alle Frauen übernahm: u. a. Kindertagesstätten und Ganztagsschulen. Dafür hatten autome – also parteilose – Feministinnen in Westdeutschland seit dem Aufbruch der Neuen Frauenbewegung Anfang der 1970er Jahre gekämpft. Auch deine Partei DIE GRÜNEN, 1980 gegründet, kämpfte für Frauenrechte. Genauer gesagt: Grüne Frauen kämpften dafür. 1983 hielt die grüne Bundestagsabgeordnete Waltraud Schoppe im Bonner Bundestag ihre legendäre Rede über die „Fahrlässigkeit der Herren in diesem hohen Hause bei abendlichen Einheitsübungen im Bett“. Damit löste Schoppe einen Tumult aus. Dass sie das Frauenrecht auf Abtreibung einklagte, weil sich Männer ihrer Verhütungspflicht entzogen sowie den Vaterpflichten für ungewollte Kinder, war eine ungeheure Provokation. Waltraud Schoppe ist eine Feministin gewesen, die in die grüne Partei große Hoffnungen setzte. DIE GRÜNEN sind ja aus der so genannten „Basisdemokratie“ hervorgegangen, aus außerparlementarischen Bewegungen: der Friedensbewegung, der Umweltbewegung – und der Frauenbewegung. Aber in der neuen Partei gaben grüne Machos den Ton an, allen voran der linke Straßenkämpfer Joschka Fischer. Der weibliche Unmut entlud sich in einem feministischen Putsch. 1984 ergriff ein „Feminat“ aus sechs Frauen die Macht bei den GRÜNEN, leider eine Macht von kurzer Dauer. Immerhin: 1986 beschloss die Bundesversammlung der GRÜNEN – bahnbrechend für die Quoten-Debatte in Deutschland!  – das „Frauenstatut“. Heute noch schreibt es vor, dass alle grünen Gremien, Präsidien und Wahllisten zur Hälfte mit Frauen besetzt werden müssen. Langer Rede kurzer Sinn: Was du mir über das Jahr 1989 erzählst, liebe Norika, kommt mir vor wie eine Geschichte aus den 1950er-Jahren.

Norika: Aber es ist meine Geschichte, liebe Conni! Außerdem weißt du ja wohl als gebürtige Paderbornerin, dass hier Gottes Mühlen langsamer mahlen als anderswo.

Cornelia: Oh ja, das weiß ich! Darum bin ich als junge Frau aus Paderborn geflohen. Heute mag ich meine Heimatstadt. Ich wäre nicht hierher zurückgekehrt, als ich krankheitsbedingt Frührentnerin wurde, wenn mir Paderborn nicht weltoffener und toleranter erscheinen würde als in meiner Jugend. Ich …

Norika (fällt ihr ins Wort): Lass uns weiter machen?

Cornelia (zerknirscht): Entschuldige! Je älter ich werde, desto mehr mutiere ich zu einer Plaudertasche, die in eigenen Erinnerungen schwelgt, statt anderen zuzuhören. Kehren wir ins Jahr 1989 zurück, zu dem Jahr, in dem dein ältester Sohn geboren wurde.

Norika: Da wohnte ich noch bei meiner Mutter in Bad Lippspringe, weil Ludger und ich uns keine eigene Wohnung leisten konnten. Ganztagsbetreuung in Kitas gab’s damals noch nicht, und meine Mutter ist in die Bresche gesprungen. Dafür bin ich ihr unendlich dankbar. Die ABM im Frauenhaus fing im Februar 92 an. Kurz danach bin ich erneut schwanger geworden. 1993 wurde unser Leon geboren, und ich konnte als Festangestellte die Stelle einer Kollegin übernehmen, die gekündigt hatte. Leon ist quasi ein Frauenhaus-Kind. Ich habe ihn immer zur Arbeit mitgenommen, um ihn jederzeit stillen zu können – in einem Frauenprojekt ist so was möglich. Bei unserem Jasper habe ich ein knappes Jahr ausgesetzt. Es ging finanziell, dass ich mich ausklinken konnte: Ludger hatte damals schon seine Schwimmschule. Als ich nach der Auszeit wieder im Frauenhaus anfing, musste ich sogleich ankündigen, dass ich mein viertes Kind erwartete: Kjell. Unser Jüngster ist knapp zwei Jahre jünger als Jasper, der …

Cornelia (unterbricht sie): Ich blicke nicht mehr durch. Darf ich kurz rekapitulieren? 1989 kam Finian zur Welt, 1993 Leon, 1997 Jasper und 1999 Kjell. Richtig?

Norika: Stimmt!

Cornelia: Wie hast du das geschafft als berufstätige Mutter? Ehrlich gesagt: Mir, einer bewusst Kinderlosen, steht das ewige Klagelied über die Unvereinbarkeit von Familie und Beruf langsam bis oben. Aber dir ist es offenbar gelungen, beides miteinander zu vereinbaren. Und das mit vier Kindern! Das erscheint mir wie ein Wunder.

Norika: So wunderbar ist das gar nicht. Du musst dazu bereit sein, ein bescheidenes Leben zu führen, ohne viel Geld und mit wenig Konsum. Du brauchst einen Mann, der sich die Haus- und Kinderarbeit mit dir teilt. Und du brauchst Arbeitsverhältnisse, die für beide Beteiligten Teilzeitarbeit ermöglichen.

Cornelia: Wenn das kein Wunder ist – was dann?

Norika: Mir kommt es ziemlich profan vor: Ludger arbeitet halbtags in seiner Schwimmschule, und ich arbeite halbtags im Frauenhaus.

Cornelia: Seit 1992?

Norika: Ja, seit 25 Jahren! Ich liebe meine Arbeit, aber Vollzeit kannst du da nicht arbeiten: Das tut keine von uns. Diese ganze Geschichten über häusliche Gewalt, die du Tag für Tag hörst und deren traumatischen Folgen du täglich bei den Gewaltopfern siehst, können zu einer so genannten „Sekundärtraumatisierung“ führen. Dafür brauchst du einen erholsamen Ausgleich. Die meisten meiner Kolleginnen haben erfüllende Hobbys.Ich habe mein Engagement für Umwelt- und Naturschutz und meine Politik.

Cornelia (fassungslos): Sagtest du gerade „erholsam“?

Norika (lacht): Aktivität erhält mich gesund.

Cornelia: Was eigentlich unterscheidet ein autonomes Frauenhaus von Frauenhäusern in Trägerschaft großer Wohlfahrtsorganisationen wie der CARITAS?

Norika: Die Gründung von Frauenhäusern ist der Frauenbewegung zu verdanken. Unter dem Motto „Das Private ist politisch“ revoltierte sie gegen das gesellschaftliche Tabu, dass das, was in den eigenen vier Wänden geschieht, Außenstehende nichts angeht – also auch nicht psychische und physische Misshandlungen bis hin zu sexuellem Missbrauch von Kindern und Vergewaltigungen in der Ehe, die …

Cornelia (unterbricht sie): …dank des unermüdlichen Kampfes von EMMA seit 1996 als Straftaten geahndet werden. EMMA war es auch, die ins öffentliche Bewusstsein gerückt hat, dass die meisten „Kinderschänder“ keine Fremden sind, die hinterm Busch lauern, sondern Väter und Großväter, Stiefväter, Onkel und Brüder. Zurzeit wird diese Erkenntnis leider wieder vergessen, weil die „heilige Familie“ fröhliche Urständ feiert. Das liegt an einem so genannten „Backlash“, über den meine ehemalige Chefin Alice Schwarzer kurzgefasst Folgendes schreibt …

Norika (fällt ihr ins Wort): Du scheibst leider nicht mehr für EMMA, liebe Conni, was ich sehr bedauerlich finde…

Cornelia: … dazu könnte ich Einiges sagen …

Norika: Zurück zu deiner Frage über den Unterschied. Das erste deutsche Frauenhaus ist 1976 von Feministinnen in Berlin als Zufluchtsort für misshandelte Frauen und deren Kinder gegründet worden. Was von damals bis heute fortbesteht, ist vor allem die Hierarchielosigkeit in automen Frauenhäusern. Wir versuchen, den Gewaltopfern, die zu uns kommen, ein anderes Konzept von Zusammenleben vorzuleben. Will sagen: Kein scheinbar allmächtiger Vater an der Spitze, der Frauen und Kinder regiert. Im Gegensatz zu Frauenhäusern von Wohlfahrtsorganisationen gibt’s bei uns weder Chefs noch Chefinnen, sondern ein Team, das gemeinsam entscheidet. Wir diskutieren so lange, bis wir einen Konsens gefunden haben. Das ist für manche Männer in Behörden absolut unverständlich. „Das darf doch wohl nicht wahr sein, dass keine von Ihnen den Hut auf hat!“ hören wir häufig. Dies allerdings bekommen wir so gut wie nie von Paderborner Behörden zu hören. Auch der Stadtrat ist uns wohl gesonnen. Wir können uns nicht beklagen.

Cornelia: Aber du musst was erklären! Was habt ihr mit Behörden von außerhalb zu tun?

Norika: Um gewalttätigen Männern den Zugriff auf Frauen und Kinder zu verwehren, suchen diese häufig  Schutz in anderen Städten. Das hat für uns zur Folge, dass wir mit den Heimatbehörden kooperieren müssen, was manchmal nicht ganz so gut gelingt. Besonders schlecht lief es bei meiner Pflegetochter, die von ihrem heimatlichen Jugendamt fast genauso vernachlässigt wurde wie in ihrer Familie.

Cornelia: Moment mal! Ich weiß, dass du eine Pflegetochter hast, aber ich wusste nicht, dass sie ein Frauenhaus-Kind ist.

Norika: Mittlerweile ist sie unser Kind, meines und Ludgers. Obwohl wir in unserer engen Behausung kaum Platz für unsere eigenen Kinder hatten, nahmen wir sie im Alter von vier Jahren für eine so genannte „Bereitschaftspflege“ auf – also für acht Wochen. Heute ist unsere Pflegetochter knapp 18, und sie lebt immer noch bei uns.

Cornelia: Wow! Weißt du was, liebe Norika? Du bist ein guter Mensch.

Norika (erzürnt): Wenn ich das Wort „Gutmensch“ höre, kriege ich die Krise!

Cornelia: So habe ich das doch gar nicht gemeint!

Norika: Aber so meinen es Rechtspopulisten!

Cornelia: Als grüne Landtagskandidatin gilt zurzeit der AfD dein Hauptaugenmerk. Doch bevor wir uns damit befassen, muss ich dich der chronologischen Verständlichkeit halber fragen: Wann und warum bist du zur Politik gekommen? Mir scheint das nicht zu dem Begriff „autonom“ zu passen, der vor dem Wort „Frauenhaus“ steht.

Norika: Ich bin wegen der Frauenhäuser zur Politik gekommen! Egal ob autonom oder nicht – in Nordrhein-Westfalen sind alle, die auf Landesfinanzierung angewiesen sind, gleichermaßen unterfinanziert. Nicht nur das: Die finanzielle Ausstattung wechselt mit jedem Regierungswechsel! Scharz-Gelb hatte uns kurzerhand 2006 eine Stelle gestrichen ( Rot-Grün hat es 2010 sofort rückgängig gemacht) Dagegen habe ich  mit Kolleginnen aus ganz NRW vorm Landtag in Düsseldorf demonstriert – mal wieder. Auf einmal hatte ich die Schnauze voll. Ich dachte, dass ich selbst in die Politik muss, um wirklich was verändern zu können. Als Partei kamen für mich nur die GRÜNEN infrage. Die machen meines Erachtens die beste Frauenpolitik. Außerdem sind grüne Männer besser als du behauptest. Schließlich tragen sie das „Frauenstatut“mit. Dass müssen ihnen andere Männer erstmal nachmachen: SPD-Männer, CDU- und CSU-Männer, Männer von der LINKEN und von den PIRATEN. Ganz zu schweigen von der FDP, die sich frauenpolitisch noch nie hervorgetan hat, weil sie …

Cornelia (fällt ihr ins Wort): Okay, okay, mit Ausnahme von Joschka Fischer und Konsorten hab‘ ich nichts gegen grüne Männer! Zumal sie dich eine Blitzkarriere machen ließen.

Norika: Blitzkarriere? Bist du naiv, liebe Conni? Wenn du heute in die SPD oder in die CDU eintreten würdest, könntest du morgen Verantwortung übernehmen. Alle Parteien suchen händeringend Leute, die sich in den niederen Ebenen der Lokalpolitik ehrenamtlich den „Arsch“ aufreißen. Das wird nur leider von der Bevölkerung überhaupt nicht honoriert.

Cornelia: Du bist grüne Landtagskandidatin für den Kreis Paderborn. Meines Wissens ist deine Chance Berufspolitikerin zu werden nicht so hoch. Bei der letzten Landtagswahl erzielten die GRÜNEN für den „Wahlkreis Stadt“, in dem die altbewährte Landtagsabgeordnete Sigrid Beer kandidiert 12,9 Prozent. Der „Wahlkreis Land“, in dem du als Neuling antrittst, erbrachte 7,8 Prozent. Auf der Landesliste rangierst du nicht in dem sicheren Bereich, der mittels Zweitstimmen einen Einzug in den Landtag garantiert. Darüber hinaus sagen Meinungsumfragen ein schlechtes Wahlergebnis für die GRÜNEN voraus. Warum tust du dir den anstrengenden Wahlkampf an?

Norika: Um meine Themen unters Volk zu bringen! Ein Wahlkampf ist eine einmalige Gelegenheit dazu.

Cornelia: Zu deinen Themen gehört u. a. der Rechtspopulismus, speziell die AfD, die so genannte „Alternative für Deutschland“. In ihrem Grundsatzprogramm preist sie die traditionelle deutsche Familie mit berufstätigem Vater und hausarbeitender Mutter in höchsten Tönen, aber …

Norika (unterbricht sie): Bei der Eröffnung unserer Veranstaltungsreihe mit dem Obertitel  „FrauenRechte“ warst du dabei. Darum weißt du, dass ich den „Familismus“, den die AfD propagiert, vehement kritisiere.

Cornelia (fährt fort): … die AfD-Chefin Frauke Petry entspricht selbst nicht dem, was sie von ihren Geschlechtsgenossinnen verlangt: Sie ist promovierte Chemikerin und berufstätige Mutter von vier Kindern.

Norika: Ich habe auch vier Kinder, und ich habe überhaupt nichts gegen das tradierte Familienbild: vorausgesetzt Kinderrechte stehen im Fokus. Als ich ein Kind war und herumgereicht wurde, habe ich mir eine traditionelle Familie gewünscht. Aber dieses Verordnete, das die AFD wieder einführen will – der Mann als Ernährer und die Frau am Herd – geht mir total gegen den Strich. Das erinnert mich an die Nazi-Ideologie. (Sie schaut auf ihre Armbanduhr). Der nächste Termin drängt, ich hab‘ nicht mehr viel Zeit. Aber ich muss dir unbedingt noch was über mein Umweltbildungsprojekt erzählen.

Cornelia: Wen bildest du damit?

Norika: Kinder!

Cornelia (lachend): Wen sonst?

Norika: Die Idee ist im Zuge der Diskussion über den „Nationalpark “ entstanden. Es war meine Idee. Aus ihr wurde ein kleiner  Verein, der unglaublich aktiv ist. Mittlerweile zwei geförderte Projekte. Eines, „Naturerbemacht Schule“ mit zwei Partnerschulen in Bad Lippspringe: eine Gesamtschule und eine Grundschule. Mit den Grundschulkindern gehe ich regelmäßig in den Wald. Ich weiß noch, beim ersten Mal war ich völlig baff, als ein Kind behauptete, dass Füchse Eier legen. Seither frage ich immer: „Wer von euch war schon mal im Wald?“ Die Hälfte der Kinder noch nie!

Cornelia (erstaunt): Obwohl sie in Bad Lippspringe leben?

Norika: Ja, in einer ländlichen Gegend! Wir wohnen in einem ehemaligen Waldarbeiter-Haus am Waldrand. Mit Grundschulkindern aus dem ersten Schuljahr hatte ich morgens unsere Hühner rausgelassen, und als wir in den Wald gingen, krähte der Hahn. Da sind alle Kinder stehen geblieben – starr vor Schreck. Nur eines war in der Lage, den Satz zu stammeln: „Ich hab‘ den Wehrwolf gehört.“ Die Kinder hatten den Hahn gesehen, doch sein Krähen konnten sie nicht einordnen. Das war krass! Aber die guten Erlebnisse überwiegen. Ich frage vorher die Lehrerin, ob ein Kind ein Defizit hat. Einmal war ein schwerhöriges Kind dabei, ich musste es von vorne ansprechen. Das sind Informationen, die ich brauche. Doch die Lehrerinnen erzählen oft Sachen, die ich gar nicht wissen will, zum Beispiel: „Der zappelt immer, der passt nie auf!“ Im Wald sind die meisten Kinder ganz anders, weder unruhig noch unaufmerksam. Manche laden auf unseren Waldspaziergängen den ganzen Wust von Problemen, die sie zuhause haben, bei mir ab. Aber um 13 Uhr kommt der Bus und nimmt die Kinder wieder mit – und ihre Probleme auch. Die Probleme der Kinder im Frauenhaus nehme ich mit nach Hause. (Sie steht auf, um sich zu verabschieden). Der Walkampf ruft, doch ich hoffe, dass wir uns bald wiedersehen.

Cornelia: Das hoffe ich auch, liebe Norika.