Das nicht wahrgenommene Leid – Weibliche Genitalbeschneidung
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Nicht nur im Ausland, sondern auch in Deutschland leben Mädchen und Frauen, die von weiblicher Genitalbeschneidung bzw. -verstümmelung (FGM/C) betroffen sind. Schätzungen des Bundesfamilienministeriums nennen circa 123.000 Mädchen und Frauen, die entweder betroffen sind oder als bedroht gelten. Ein erheblicher Anteil von ihnen lebt in NRW.
Vor diesem Hintergrund habe ich gemeinsam mit dem Grünen Kreisverband Paderborn im Juni eine Onlineveranstaltung mit Experten und Engagierten aus diesem Bereich auf die Beine gestellt.
Austausch führt zu Verbesserungen
Günter Haverkamp schilderte als erster Vortragender, wie er als Journalist zum ersten Mal von weiblicher Genitalbeschneidung erfuhr und, schockiert davon, seine Medienerfahrung nutzen wollte, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Er gründete 2007 den Runden Tisch NRW gegen FGM_C. Dort können sich Organisationen, Behörden und Betroffene über mögliche Hilfe für die betroffenen Frauen austauschen sowie darüber, wie weibliche Genitalbeschneidung verhindert werden kann.
Mitte Juli finde bereits der 75. Runde Tisch statt, da das Thema so vielschichtig und tiefgehend sei, dass es viel zu bereden gebe. Über die Aufmerksamkeit in den Medien ist auch der Kontakt zu Dr. O’Dey entstanden, der schließlich eine Methode zur Rekonstruktion des weiblichen Genitals entwickelte. Außerdem konnte die Arbeit des Runden Tisches mit einer Vertretung der Krankenkassen in Kontakt treten und damit erreichen, dass diese Rekonstruktion deutschlandweit von Krankenkassen übernommen werden kann.
Klinikbau in Somalia
Dass von FGM/C betroffene Frauen in Deutschland teils zusätzlich Fluchterfahrungen, andere Gewalterfahrungen und Traumatisierungen mitbringen, machte ein anonymer Erfahrungsbericht deutlich, den Jawahir Cumar, Gründerin der Beratungsstelle stop mutilation Deutschland e.V., vorstellte. Ein maßgeblicher Grund für Eltern, ihre Töchter beschneiden zu lassen, sei ein enormer gesellschaftlicher Druck. In einigen Kulturen könnten nur beschnittene Mädchen verheiratet werden.
Der Verein beriet 2025 fast 600 Personen.
Neben Beratung, Prävention und Aufklärung organisiert der Verein auch eine gynäkologische Sprechstunde, Therapieangebote und Fortbildungen mit Ärztinnen und Ärzten. Außerdem finanziert der Verein mithilfe von Spenden den Bau einer Mutter-Kind-Klinik in Somalia, um kostenfreie medizinische Hilfe für beschnittene Frauen zu leisten. Gerade weil Beschneidungen zu Gefahren bei einer Geburt führen können, ist das in dem Land wichtig. 98% der Mädchen und Frauen werden dort teils mehrfach beschnitten.
YUNA hilft in NRW
Auch Janne Grotehusmann von der Fachstelle YUNA Westfalen-Lippe berichtete aus der Beratungs-, Präventions- und Aufklärungsarbeit. Die Fachstelle gehört zum NRW-weiten Projekt YUNA, das vom Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration NRW gefördert wird. Die Mitarbeitenden beraten und begleiten betroffene oder bedrohte Frauen und Mädchen und vermitteln beispielsweise Sprachmittlung oder Gynäkologinnen und Gynäkologen.
In ihrer aufsuchenden Arbeit stellen sie sich in Geflüchtetenunterkünften vor und bieten Sprechstunden vor Ort an. Abgesehen davon unterstützen sie Betroffene mit Workshops und Gruppenangeboten und bieten das YUNA Café als Ort des Austauschs. Bald soll es auch eine gynäkologische Sprechstunde geben.
Respektvoller Umgang mit Opfern
Einen Einblick in die medizinische Praxis konnte Dr. Dan O’Dey geben. Der Mediziner hat eine operative Methode zur Rekonstruktion des Genitals nach einer Beschneidung entwickelt, um Betroffenen zu helfen. Generell handle es sich bei der Beschneidung um eine medizinisch unnötige Praxis, die oft unter Zwang durchgeführt werde. Gleichzeitig machte er deutlich, dass der Begriff Genitalverstümmelung im respektvollen Umgang mit Patientinnen durch Genitalbeschneidung ersetzt werden sollte.
Er hob die zahlreichen medizinischen Probleme durch FGM/C hervor, die unter anderem Schmerzen und Probleme beim Wasserlassen sein können und erläuterte die unterschiedlichen Typen weiblicher Genitalbeschneidung. Dr. O‘Dey betonte dabei, dass auch vermeintlich weniger schwerwiegende Typen immer Eingriffe seien, die den Betroffenen nachfolgend erhebliche Probleme bereiten können.
Unterstützung der Väter gewinnen
In der anschließenden Diskussion erklärte Jawahir Cumar, dass bei stop mutilation auch Männer und andere Familienmitglieder beraten werden, damit sie sich gegen die Beschneidung ihrer Töchter wehren. Dazu bietet der Verein auch Beratung bei Männern und religiösen Fachmännern. Einige junge Männer sähen das Leid ihrer Frauen durch FGM/C und würden deshalb ihre Töchter davor schützen wollen, andere wollen nicht gegen die deutschen Gesetze verstoßen. Die Beteiligung der Männer hält sie im Kampf gegen weibliche Genitalbeschneidung für wichtig.
Nicht jeder Arzt erkennt Beschneidung
Dass eine westfälische Klinik laut eigener Aussage noch keine beschnittenen Frauen behandelt hätte, kommentierte Dr. O’Dey mit der Bemerkung, dass sich Betroffene einerseits oft in bestimmten Regionen sammeln und andererseits medizinisches Personal weibliche Genitalbeschneidung nicht immer bemerke. Das kann an unauffälligeren Beschneidungsgraden liegen. Gerade bei dunkler Haut wissen allerdings auch einige Beschäftigte in der Medizin nicht, wie bestimmte Verletzungen aussehen.
Untätigkeit behindert Prävention
Der Kampf gegen Beschneidung in den Ferien werde teilweise durch untätige Mitarbeitende in Jugendämtern, Grundschulen oder Kitas behindert, die nicht auf Hinweise reagieren würden. Jawahir Cumar sagte dazu, dass beispielsweise eine Voruntersuchung durch Kinderärzte Genitalbeschneidung verhindern kann, wenn dort eine Nachuntersuchung angekündigt wird. Präventives Engagement sei gerade in Jugendämtern kaum vorhanden. Letztendlich sei es vom Zufall abhängig, ob Mädchen geschützt werden. Auch Janne Grotehusmann stimmte zu, dass es von den jeweiligen Mitarbeitenden abhängig sei. Günter Haverkamp machte daraufhin deutlich, dass Jugendämter sich strafbar machen, wenn sie nicht auf FGM/C-Hinweise reagieren. Er betonte, wie viele Mädchen in Deutschland gefährdet sind: „Mich beunruhigt, wie ruhig wir sind.“

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